Wie organisiert eine Systemzentrale Wissen, Kommunikation und lokales Marketing, wenn das Netz wächst und die Partner eigenständig arbeiten? Diese Frage begegnete uns in vielen Gesprächen mit Franchisezentralen unterschiedlicher Größe und Branchen auf der Franchise NEXT in Köln. Die Messe brachte im Oktober 2026 insgesamt 91 internationale Franchisemarken zusammen.
Die auffälligste Beobachtung: Erstaunlich viele Franchisesysteme haben die Frage „selbst bauen oder einkaufen" bereits beantwortet, und zwar zugunsten des Eigenbaus oder einer eigenen Kombination aus Standardwerkzeugen. Die Lösungen reichen von vollständigen Eigenentwicklungen bis zu Anwendungen, die mit KI-gestützten Werkzeugen in kurzer Zeit entstanden sind.
Einige Beispiele:
Die Gründe, die uns genannt wurden, sind nachvollziehbar. Wer Entwicklerinnen und Entwickler im Haus hat, nutzt diese Kompetenz. Andere haben schlechte Erfahrungen mit ausgelagerten Projekten gemacht und beschrieben die externe Umsetzung als zu langsam, zu kompliziert und anders als gewünscht. Zudem lassen sich mit KI-gestützten Werkzeugen heute in kurzer Zeit erste eigene Anwendungen bauen, wie eines der Beispiele zeigt.
Eine schnell verfügbare Lösung ist noch keine dauerhaft tragfähige. Bevor Sie sich für eine eigene Plattform entscheiden, lohnt sich ein Blick auf diese Punkte:
Nicht jedes System entwickelt eigene Software. Gerade junge Franchisesysteme kombinieren häufig Werkzeuge, die ohnehin vorhanden sind: Chat-Gruppen für die Abstimmung mit Partnern, eine Dateiablage für Unterlagen, ein Grafikprogramm für Social-Media-Inhalte.
Ein System, mit dem wir gesprochen haben, baut seine Strukturen gerade erst auf. Die Kommunikation läuft über Chats, ein internes Portal entsteht, Social-Media-Inhalte werden mit einem Grafikwerkzeug gestaltet. Ein anderes System nutzt eine verbreitete Büro- und Kollaborationssoftware als Ersatz für ein Partnerportal und ergänzt sie um Schulungen in virtueller Realität.
Für den Start kann das ausreichen. Mit jedem neuen Standort steigen aber die Anforderungen: Wissen muss auffindbar sein, Informationen müssen alle Partner zuverlässig erreichen, und die Zentrale braucht einen Überblick darüber, was an den Standorten passiert. Spätestens dann zeigt sich, ob die Werkzeuge zusammenspielen oder ob Informationen über mehrere Systeme verstreut sind. Junge Systeme haben dabei einen Vorteil: Sie können ihre Strukturen von Anfang an so anlegen, dass sie mitwachsen.
Ein Spannungsfeld zeigte sich unabhängig von Größe und technischer Ausstattung: Die Zentrale will ihre Markenstandards sichern, die Standorte wollen schnell und passend für ihr lokales Umfeld handeln.
Ein Beispiel aus der Systemgastronomie: Dort läuft das lokale Marketing einzelner Standorte ohne gemeinsames System. Weil der offizielle Weg über zentrale Dienstleister als zu langsam gilt, setzen Standorte Maßnahmen teils eigenständig um. Zentrale Kampagnen werden dagegen über einen gemeinsamen Werbefonds und ein Opt-out-Verfahren gesteuert. Auch in einem Handelsverbund mit eigener Entwicklungsabteilung folgen einzelne Märkte den Vorgaben der Zentrale nur eingeschränkt.
Eigene Technik löst diesen Konflikt also nicht automatisch. Entscheidend ist, ob ein System beides zugleich ermöglicht: verbindliche Markenvorgaben der Zentrale und genügend Spielraum für Maßnahmen, die vor Ort wirken.
Juliane Winter
Head of Marketing"Die Franchise NEXT fühlte sich an wie ein großes Familientreffen: In der Branche kennt jeder jeden, und so wurden wir auch empfangen. Wir haben viele gute Gespräche geführt und beeindruckende Menschen und Systeme kennengelernt. Die Anforderungen der Systeme sind sehr unterschiedlich, und genau das macht es für uns so spannend, unser Produkt weiterzuentwickeln. MEHR:Franchise baut auf jahrelanger Franchise-Fachpraxis auf. Zu erleben, wie unterschiedlich diese Praxis in den einzelnen Systemen aussieht, war trotzdem noch einmal etwas anderes."
Eigenbau ist eine bewusste Entscheidung. Franchisezentralen wählen ihn aus nachvollziehbaren Gründen. Umso wichtiger ist ein ehrlicher Vergleich der Gesamtkosten und der Aufgaben, die eine Lösung abdecken muss.
Frühe Strukturen zahlen sich aus. Junge Systeme profitieren davon, Wissen und Kommunikation früh zu bündeln, bevor beides über viele Werkzeuge verteilt ist.
Das Verhältnis von Zentrale und Standorten bleibt die Kernaufgabe. Daran ändert auch eigene Technik nichts.
Ob Eigenbau, Standardwerkzeuge oder eingekaufte Plattform: Jede dieser Lösungen kann zu einem Franchisesystem passen. Entscheidend ist, dass die Wahl auf einer ehrlichen Rechnung beruht. Was kostet die Lösung über mehrere Jahre, welche Aufgaben deckt sie ab, und wie viel Aufmerksamkeit bindet sie in der Zentrale? Wer diese Fragen früh beantwortet, vermeidet einen späteren Systemwechsel unter Zeitdruck.
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